Pforzheimer Zeitung Oktober 2018

Kinder erfahren Sicherheit

Bürger in der Schule aktiv üben mit Zweitklässlern an der Brötzinger Schule Radfahren – Viele Kinder lernen dies nicht mehr richtig

Nicola Arnet | Pforzheim

Auch einhändig fahren will gelernt sein: Leonard (links) und André radeln durch den Parcours auf dem Hof der Brötzinger Schule, überwacht von Michael Hahn, Werner Schüle und Klassenlehrerin Sabrina Popke (von links). Foto: Ketterl

Kleine orangefarbene Hütchen liegen auf dem Schulhof der Brötzinger Schule. Nacheinander fahren Alicia, André, Lina und Leonard durch den Parcours, nehmen vorsichtig die Kurve und halten noch einmal vor einer Stopplinie an. „Das macht Spaß“, sagen die Zweitklässler strahlend. Bereits zum dritten Mal sitzen die Jungen und Mädchen in diesen zwei Schulstunden nicht auf Stühlen im Klassenzimmer, sondern auf dem Fahrradsattel. Zu verdanken haben sie das einem Projekt von Bürger in der Schule aktiv (BiSa).

Denn viele Schüler können mittlerweile nicht mehr richtig oder gar nicht Radfahren. „Die Kinder bekommen es nicht beigebracht, weil sie kein Rad haben, die Eltern selbst nicht fahren oder es in ihrem Kulturkreis einfach nicht üblich ist – gerade für Mädchen“, sagt Werner Schüle vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC), der das Projekt betreut. Gerade an der Brötzinger Schule, an der die Mehrheit der Kinder einen Migrationshintergrund hat. Dieses Defizit fiel auch den Lehrern auf. Und so wandte sich Konrektorin Annette Elsmann hilfesuchend an BiSa-Vorsitzende Lilli Gros, die wiederum über eine Lesepatin den Kontakt zu Schüle herstellte. Er war es auch, der gemeinsam mit Lesepate Michael Hahn die zehn gespendeten Fahrräder wieder einsatzfähig machte, die das Hausmeister-Team vom Asylheim Paul-Löbe-Straße und der Hausmeister der Sonnenhofschule organisiert hatten.

Nachdem bereits ein Kurs vor den Sommerferien stattfand, übt Schüle nun gemeinsam mit den Lesepaten Hahn und Elfriede Boyken-Henze sowie Hansjürgen Remer mit der Klasse 2b das sichere Radfahren. Vier Lerneinheiten zu je 90 Minuten umfasst das Projekt, bei dem die Klasse in drei Gruppen aufgeteilt wird. Jeweils eine halbe Stunde besuchen die Kinder verschiedene Stationen. Hahn übernimmt das Balance- und Gleichgewichtstraining, Klassenlehrerin Sabrina Popke erklärt anderen Schülern derweil, was zu einem sicheren Fahrrad gehört und wie wichtige Verkehrszeichen aussehen, während eine Gruppe bei Schüle und Boyken-Henze lernt, wie sie sicher anfahren, bremsen und auf dem Parcours durch Kurven fahren. Für drei Kinder aus der Klasse war dies ganz neu. Aber auch die siebenjährige Lina und der siebenjährige André, die bereits Radfahren konnten, sind froh, dass sie dies im Projekt noch besser üben können. Immerhin steht in der vierten Klasse eine offizielle Fahrradprüfung an, die mittlerweile mehr als 13 Prozent der Kinder nicht mehr bestehen.

Und es macht Spaß. „Wenn ich sage, bringt morgen wieder den Helm mit, sind alle ganz begeistert“, schildert Klassenlehrerin Popke. Für Schüle ist es wichtig, dass die Kinder die Grundfertigkeiten beigebracht bekommen. „Gerade weil eben nicht alle die gleichen Startchancen haben.“