Lesepaten öffnen die Tür zur Sprache

Pforzheimer Zeitung 14. Oktober 2015
Nicola Arnet | Pforzheim
◆ Ehrenamtliche von „Bürger in der Schule aktiv“ unterstützen Kinder.
◆ Bedarf an Freiwilligen wächst angesichts des Flüchtlingszustroms.

Die Sommerferien hatten es für Helmut Wienert in sich: Jeden Tag hat der ehemalige Pforzheimer Hochschul-Professor mit zwei syrischen Flüchtlingskindern intensiv gearbeitet. Viermal die Woche, dreieinhalb Stunden täglich, brachte er dem 14-jährigen Jungen und seiner 16-jährigen Schwester die neue Sprache näher, ließ sie Wörter vom Arabischen ins Deutsche, Französische und Englische übersetzen. Ging mit ihnen das menschliche Auge oder die konstante Beschleunigung durch und übte Mathe-Aufgaben. Mittlerweile haben die beiden deutliche Fortschritte gemacht und besuchen in diesem Schuljahr das Kepler-Gymnasium.
„Wenn man in der Schule sitzt und nur jeden dritten Satz versteht, ist man raus. Der Schlüssel zu allem ist die Sprache“, sagt Wienert und spricht damit den anderen Aktiven von „Bürger in der Schule aktiv“ (BiSa) aus dem Herzen. Insgesamt 141 Ehrenamtliche begleiten Schüler mit geringen Deutschkenntnissen an Pforzheimer Schulen, im häuslichen Umfeld oder im Lernkreis. Doch angesichts der stetig steigenden Zahl der Asylsuchenden wächst auch der Förderbedarf.
„Wir haben sehr viele Flüchtlinge, die hierher kommen, daher wollen wir für dieses Thema sensibilisieren und weitere Aktive gewinnen“, sagt BiSa-Vorsitzende Lilli Gros. Vor allem an Gymnasien könne man den Bedarf noch nicht abdecken. Bislang kümmern sich die meisten der Lesepaten – Ruheständler oder Studenten – um Grundschüler. So wie Fritz Schönthaler. Er betreut einen polnischen Jungen von der Maihäldenschule, der zwar ganz gut Deutsch spricht, aber Probleme mit dem Schreiben hat. Schönthaler weiß, dass es nicht nur wichtig ist, mit den Kindern zu lesen. „Wir unterhalten uns viel oder wir spielen etwas, alles erweitert den Wortschatz“, sagt er.
Für Elfriede Boyken-Henze vom Lernkreis der Osterfeldschule war ihr türkisches „Patenkind“ fast so etwas wie ein Enkel-Ersatz. Sie hat mit ihm nicht nur seine Deutschkenntnisse verbessert, sondern besuchte mit dem Jungen auch den Weihnachtsmarkt oder das Theater. „Mit dem Sprachenlernen vermittelt man ja auch kulturelle Werte“, nennt Wienert einen Nebeneffekt. Ein Punkt, der vor allem bei Kindern aus anderen Kulturkreisen enorm wichtig ist.
Bereichernde Aufgabe
Mindestens einmal pro Woche sollten sich die Lesepaten Zeit für ihre Schützlinge nehmen, Spaß und Geduld am Umgang mit Kindern haben und idealerweise didaktisch-pädagogische Fähigkeiten mitbringen. Für die Betreuung von Gymnasiasten sind zudem Kenntnisse des Abiturstoffs sinnvoll. Von der verantwortungsvollen Tätigkeit profitieren nicht nur die Kinder. „Es kommt sehr viel zurück. Die Aufgabe macht Spaß, bereichert ungemein und hält geistig fit“, sagt Boyken-Henze.
Wer Interesse an einer Patenschaft hat, meldet sich telefonisch unter (0 72 31) 29 96 02 oder per Mail an lilli.gros@web.de.