Brötzinger Grundschule Oktober 2018

Pforzheimer Kurier, 24.10.2018

André sitzt schon sicher im Sattel

Fahrradprojekt an der Brötzinger Schule/ BiSa und ADFC geben Zweitklässlen Unterricht

UM EINEN PARCOURS zu kurven, ist gar nicht mal so einfach für Fahranfänger. Aber die kleinen Radler von der Brötzinger Grundschule meistern das Training, das BiSa und ADFC ihnen anbieten.
Foto:Wacker

Von unserem Redaktionsmitglied Claudia Kraus
André ist beim letzten Mal vom Rad gefallen. Passiert ist aber zum Glück nichts.
„Er hat gelacht“, sagt seine Klassenkameradin Lina. Doch eigentlich sitzt André schon recht sicher im Sattel, wie sich an diesem Herbstmorgen herausstellt. An der Brötzinger Schule läuft die dritte von vier Trainingseinheiten eines Fahrradprojekts für Zweitklässler, das von den Ehrenamtlichen des Vereins BiSa (Bürger in der Schule aktiv) und dem ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club) gestemmt wird.
Auf dem Schulhof hat ADFC-Mitglied Werner Schüle einen Parcours aufgebaut, um den die Kinder nun Slalom fahren. Es geht darum, auch in den Kurven die Balance zu halten und generell Sicherheit auf dem Rad zu erlangen.
„Jetzt mit einer Hand“, ruft Schüle ihnen zu. Im Vorbeifahren müssen die Mädchen und Jungen ihm eine mit einem runden Gegenstand gefüllte Socke abnehmen und diese einige Meter weiter in einen Korb werfen. Nur ein Mädchen kippt mit dem Rad plötzlich zur Seite. Den meisten Kindern gelingt es aber auf Anhieb. Auch André schafft die Aufgabe ohne Probleme. Zu Hause hat der Siebenjährige ein eigenes Rad.
Das allerdings trifft nach Angaben von Konrektorin Annette Elsmann längst nicht auf alle Familien zu. „Wenn die Eltern nicht Fahrrad fahren, können sie das auch ihren Kindern nichtvermitteln“, hat Werner Schüle damit auch eines der Grundprobleme ausgemacht. Nun steht aber Fahrradtraining in den ersten beiden Grundschulklassen in Baden-Württemberg auf dem Lehrplan.
„Und deshalb wird nun der Sportunterricht gekürzt“, regt sich BiSa-Mitarbeiter Michael Hahn auf.
Weil man das nicht hinnehmen mochte, personell jedoch nichts alleine auf die Beine stellen konnte, hatte sich die Schulleitung Hilfesuchend an die Ehrenamtlichen von BiSa und dem ADFC gewandt. Vor den Sommerferien begann das Projekt in einer der damaligen zweiten Klassen.
Die  Kinder sind mit großem Spaß bei der Sache. „Wenn ich ihnen sage, sie sollen am nächsten Tag ihre Helme mitbringen, jubeln sie schon“, erzählt Sabrina Popke, Klassenlehrerin der 2b, die an diesem Morgen ihr Fahrradtraining absolviert. Popke erklärt ihren Schülern die wichtigsten Verkehrszeichen und was zu einem sicheren Fahrrad gehört. Drei Kinder aus ihrer Klasse von 22 hätten zuvor noch nicht fahren gekonnt, sagt sie. Aber das sei zu ihrer Schulzeit schon so gewesen. Etwa 80 Prozent der Kinder an der Brötzinger Grundschule haben Migrationshintergrund. Schöne, der schon in seiner früheren Heimat im Remstal Fahrradkurse für Flüchtlinge leitet, hat durch viele Auslandsaufenthalte in vielen Ländern die Erfahrung gemacht, dass das Fahrrad überall ein beliebtes Spielzeug ist. Allerdings sei es in arabischen Ländern unter Frauen nicht immer ein gebräuchliches Transportmittel. Das habe er auch beim Fahrtraining hier mit weiblichen Jugendlichen festgestellt. „Das wirkt nach, wenn die Mütter nicht fahren durften. Aber das verändert sich langsam.
“Ein finanzielles Problem sieht die Brötzinger Konrektorin Elsmann mitverantwortlich dafür, dass manche Kinder nicht Fahrradfahren können. „Viele Eltern wissen nicht, dass man in Pforzheim günstig gebrauchte Räder haben kann“, räumt Schüle ein. Fürs Fahrradprojekt hat die Jugend-verkehrsschule ausrangierte Drahtesel gesponsert. Gebrauchte Fahrräder hat zudem das Hausmeisterteam von der Flüchtlingsunterkunft in der Paul-Löbe-Straße beschafft, die Hahn und Schöne dann fahrtüchtig gemacht haben. Neue Fahrradhelme spendierte dann noch der Pforzheimer Musiker Lu Thome. Über das Thema Sicherheit auf dem Rad und im Straßenverkehr hinaus sehen es Schöne und seine Mitstreiter vom ADFC und BiSa daher auch als ihre Aufgabe an, Aufklärungsarbeit zu leisten. Beispielsweise bei den Familien in der Paul-Löbe-Straße. Dort fahren die Jugendlichen viel mit dem Rad, „aber sie sind alle männlich“.